Hans Jörgen hatte noch lange über das unerwartete Telefonat nachgedacht und war erst langsam eingeschlafen. Obwohl Hans Jörgen aus seiner Berufserfahrung her wusste, das man im Medienbereich besonders vorsichtig mit persönlichen Versprechen und Zusagen sein musste, war er von dem Verhalten der beiden Verantwortlichen doch ziemlich enttäuscht. Er hatte im Laufe des Projekts zwar immer wieder erfahren, das vorher gemachte Zusagen nicht eingehalten wurden, aber diesmal hatte er noch einmal ganz deutlich zu spüren bekommen, wie sehr er als Teilnehmer einer Produktion der Willkür und den Launen der Entscheidungsträgern ausgesetzt ist und war.
Letztlich gab und gibt es auch kaum eine Möglichkeit sich dagegen zur Wehr zu setzen. Mann willigt mit der Teilnahme am Projekt ein und segnet es mit dem unterschriebenen Vertrag ab.
So konnte Hans Jörgen die öffentlich gemachten Zusagen auch nicht einfordern, sondern musste sich mit einer so genannten "Schadensbegrenzung" abfinden.
Es war auch nicht sehr viel Spielraum, sich damit jetzt zu befassen, sondern Hans Jörgen musste klären, wie es konkret von Irkutsk weiter gehen könnte. Klar war für ihn, dass sie auf eigene Faust weiterfahren.
Aus seinem Transsibirischen Reiseführer hatte er die Information, das am Samstag ein Zug und ein Flugzeug in die Mongolei gehen würde. Eigentlich wäre er gerne mit dem Zug gefahren. Dafür mussten sie wieder zurück über Ullan Ude in die Mongolei. Wahrscheinlich würden sie die Grenze aber erst erreichen, nachdem das Visum schon abgelaufen wäre. Das könnte in Russland zu ungeahnten Schwierigkeiten führen und Hans Jörgen verstand nun mal kaum etwas in russisch.
Also entschloss Hans Jörgen, sich sobald wie möglich, an diesem Morgen um einen Flug zu kümmern. Das Frühstück um 9 Uhr im Hotel ANGARA war sehr gut und reichlich. Eva wollte wieder ins Bett und sich erholen.

Hans Jörgen ging hinunter in die Empfangshalle. Dort war auch ein russisches Reisebüro angesiedelt. Die Reisefachfrau konnte ein wenig Englisch, so dass Hans Jörgen ihr verständlich machen konnte, was er wollte.
Dann eröffnet sich die nächste Überraschung.
Die freundliche Russin hinter ihrem Schreibtisch berichtete Hans Jörgen, das im Prinzip Samstag immer Flüge von Irkutsk nach Ulan Bator statt finden, nur diesen Samstag leider nicht.
Der nächst mögliche Flug wäre Montagmorgen um 10 Uhr.
Das darf doch nicht wahr sein, dachte Hans Jörgen. Ihr Visum lief doch morgen ab. Ohne Visum konnten sie nicht mal mehr das Hotel buchen, denn dort mussten sie immer ihren Pass abgeben. Mit Zug hatten sie morgen auch keine Chance.
Die einzige Möglichkeit, aus diesem Dilemma herauszukommen, war, zum Passamt zu gehen, so meinte die Russin aus dem Reisebüro.

Hans Jörgen ging an die Rezeption des Hotels. Erklärte mit Händen und Füßen, was er erledigen müsste. Eine Dame an der Rezeption erklärte ihm mit gebrochenem Englisch, wo er hin müsste. Schrieb ihm die Adresse in russisch auf einen Zettel und händigte ihm seinen Reisepass aus.
Es war ein schöner, sonniger September morgen, an dem sich Hans Jörgen auf den Weg machte. Das konnte ja noch heiter werden. Er hatte nicht viel Möglichkeiten über seine Lage nachzudenken, jetzt musste er erst einmal dieses Passamt finden.

Es war nicht so weit vom Hotel entfernt. Dank seines Zettels mit der Anschrift zeigte man ihm auch den Weg dorthin.
Es war ein altes Gebäude. Auf den Gängen drängten sich die Menschen. Hans Jörgen verstand nicht viel von dem, was da gemurmelt wurde. Er zeigte immer nur wieder seinen Zettel und landete in einer Amtsstube mit uniformiertem Personal.
Dort schaute man Hans Jörgen an, Hans Jörgen schaute die anderen an. Doch beide Seiten verstanden überhaupt nicht, worum es denn eigentlich ging. Hans Jörgen hielt immer wieder seinen Pass hin. Auf die russischen Fragen konnte er sich keinen Reim machen. Bis schließlich eine russische Beamtin ihm eine Visitenkarte in die Hand drückte.
Darauf stand zu mindestens auf einer Seite der Karte in englischer Sprache "SPUTNIK" Irkustsk Internatinal travel Bureau.
Was jetzt ???
Hans Jörgen wollte doch eine Verlängerung seines Visums und nicht schon wieder in ein Reisebüro. Alles zeigen auf den Pass half nicht weiter. Er erntete auch nur Schulterzucken und immer wieder den Verweis auf die Visitenkarte.
Da blieb im nicht anderes übrig, als wieder zurück ins Hotel zu gehen. Die Frau an der Rezeption erklärte Hans Jörgen jetzt, wie er zu diesem Reisebüro gelangen könnte. Gottseidank war das auch nicht weit vom Hotel entfernt. Er konnte noch alles zu Fuß erledigen.
Diesmal musste Hans Jörgen nicht in Richtung Stadtzentrum, sondern genau in die entgegengesetzte.
Mit einem neuen Zettel in der Hand machte er sich auf den den Weg. Das Wetter war so schön, so dass ihm das "Unterwegs sein" von daher Spaß machte.
Er ging um ein paar Häuserblöcke. Dann hatte er das Haus mit dem Reisebüro gefunden. Es war in einem Hinterhof eines Patrizierhaus. Eines der vielen schönen Häuser, die Irkutsk zu einer liebenswerten Stadt machen. In einem dunklen Flur mit vielen Türen findet er schließlich das Schild SPUTNIK.
Mit dem Anklopfen öffnete sich die hohe Holztür und eine freundliche Frau um 40 bat Hans Jörgen hinein. Es war ein gemütliches Büro mit Computern und vielen Prospekten. Die Wand voller Poster und Bilder von nahen und fernen Welten.
Auf Hans Jörgen wirkte das alles sehr gemütlich, vertrauenerweckend. Er fasste ein Stück Hoffnung, an der richtigen Stelle zu sein. Die Russin verstand englisch und hörte Hans Jörgen zu. Es tat ihm gut, jemand gefunden zu haben, der sich anscheinend mit seinem Problem beschäftigen wollte.
Er war ein paar Minuten im Büro, als die Tür aufging und ein stämmiger Russe um die 50 eintrat. Hans Jörgen traute seinen Augen nicht, diesen Mann kannte er doch.
Hatte er und Eva ihn doch erst vor 4 Tagen beim Halt in Irkutsk getroffen. Dort hatte er noch ein Foto von ihnen gemacht.
Igor erkannte Hans Jörgen auch und beide waren über ihr erneutes Treffen sehr erfreut. Hans Jörgen wurde wieder mit der russischen Freundlichkeit überschüttet, die in den vergangenen Wochen oft erlebt und genossen hatte. Das tat nach dem Frust der letzten Stunden sehr gut. Hans Jörgen blühte innerlich wieder auf und hatte das Gefühl, es geht weiter.
Nach einem Austausch von Informationen, begann eine Reihe von Telefonaten. Am Ende stand, das Hans Jörgen mit einer Angestellten des Büros zum Flughafen musste. Dort sollte er bei der mongolischen Airline MIAT ein Ticket nach Ulan Bator kaufen. Erst mit dem Flugticket und der Bestätigung das morgen am Samstag kein Flug in Mongolei geht, könnten die nächsten Schritte eingeleitet werden.
Zusammen mit einer netten Russin machte sich Hans Jörgen mit einem Taxi auf zum Flugplatz Irkutzk. Es waren 10 Minuten zu fahren und Igor hatte seiner Mitarbeiterin noch das Geld für das Taxi mitgegeben.
Im Flughafen hatten sie schnell das Büro der MIAT gefunden. Ein Ticket war kein Problem. Mit der Bescheinigung taten sie sich zunächst aber schwer. Für den Flug brauchte Hans Jörgen 166 Dollar. Eigentlich kein Problem. Hans Jörgen hatte eine MasterCard Gold und da müsste es Geld am Automaten geben. Warum eigentlich, das wäre doch zu einfach. Der Automat weigerte sich. Es gab keine Dollars.
Doch ohne Ticket gab es auch keine Bescheinigung. Auch das noch. In seiner Verzweiflung fragte Hans Jörgen, ob sie dann auch Rubel annehmen. Die Flugtickets sollten 5600 Rubel kosten. Soviel hatte Hans Jörgen noch vom Storno der Flugtickets aus UlanUde bei sich. Das war noch mal gut gegangen. Mit den Tickets ging es mit einem Sammeltaxi wieder zurück in die Stadt zum Reisebüro. Es war mittlerweile 13 Uhr, Mittagszeit.
Im Reisebüro erfuhr Hans Jörgen, dass er für die weitere Prozedur von sich und von Eva 2 Passbilder benötigte. Das er welche mit hatte, wusste er. Jetzt musste er noch herausbekommen, was mit Eva war.
Zwischen durch wurde im auch bewusst, das es Freitagmittag war und er bisher zwar schon viel für das Visum unterwegs war, aber noch nicht die entscheidende Visumsstelle aufgesucht hatte. Hoffentlich wird die Zeit dazu reichen. Doch wie so oft in den letzten vier Wochen hatte Hans Jörgen auch keine Zeit darüber nachzudenken.
Es ging zügig zurück ins Hotel. Dort wartete Eva schon auf ihn, denn sie wusste überhaupt was denn nun Sache war.
Passbilder hatte Eva natürlich nicht. Also mussten sie beide schnell in die Stadt und Fotos machen. Mit Hilfe der schon bisher sich sehr bewährenden Rezeption des Hotels hatte man ihnen wieder aufgezeichnet, wohin sie mussten. Auch war das Fotostudio vom Hotel aus gut zu Fuß zu erreichen.
Zurück im Hotel hatten sich Svetlana und Eugene gemeldet. Sie wollten eine Abstecher an Baikal-See machen. Hans Jörgen wäre liebend gerne mitgekommen, er musste sich weiter um die Verlängerung des Visums kümmern. So fuhren die drei mit dem Auto weg und Hans Jörgen machte sich auf den notwendigen Behördenweg.
Er hatte mittlerweile zusammen, was er dafür brauchte, beide Pässe, Passbilder, die Flugtickets und die Bescheinigung der Flugesellschaft.
Als er ins Reisebüro zurück kam, war dort bis 14 Uhr Mittagspause.
Nach der Pause ging die Angestellte mit Hans Jörgen ein paar Häuserblocks weiter. Es war eine Art Behörde oder so was. Im ersten Stock betraten sie ein Büro und hinter einem Schreibtisch mit viel Schreibkram saß eine geschäftige Bürofrau. Sie schaute von ihrer Arbeit auf und ließ sich erklären, worum es ging.
Danach folgten einige Telefonate. Es wurden Formulare ausgefüllt und nach etwa 30 Minuten emsigen Treibens heißt es, Hans Jörgen sollte um 18 Uhr wieder kommen, dann wären die Papier fertig. Oh da fielen Hans Jörgen aber einige Steine von der Seele. Das war ja mal wieder ausgesprochen gut gelaufen, obwohl Hans Jörgen oft sprachlich überhaupt nichts mit bekam. Eine Menge Anspannung fiel von ihm ab und er ging zurück ins Hotel, um sich ein wenig auszuruhen. Eva war mittlerweile weg und er konnte sich noch bis 17 Uhr 30 auf den Bett lang legen. Nach all dem Stress der beiden letzten Tage konnte er das gut gebrauchen.
Pünktlich um 18 Uhr war er wieder in der ersten Etage des russischen Büros. Zunächst war das Büro leer und Hans Jörgen hatte schlimme Befürchtungen. Er wartete noch eine viertel Stunde im Hof, dann stieg die Dame vom Mittag aus einem russischen Auto und kam auf das Büro zu. Sie hatte alles erledigt.
Oben wurde die Visa bis Montag an die Pässe geheftet. Hans Jörgen zahlte noch 3000 Rubel für die ganze Arbeit und hielt die heiß begehrten Dokumente in seinen Händen.
Er wertete dies als einen guten Start in den zweiten Teil seines Abenteuerunternehmens mit seiner Tochter auf dem Weg nach Peking.
Zufrieden mit sich und seiner Umgebung schlenderte Hans Jörgen durch eine wunderschöne Abendstimmung entlang der Prachtstraßen von Irkutsk zur Uferpromenade, um dort den Sonnenuntergang zu genießen. An diesem lauen Herbstabend waren viele junge Menschen unterwegs. Das fiel Hans Jörgen richtig auf. Es waren für ihn ungewöhnlich viele hübsche russische Mädchen und Frauen unterwegs zur Uferpromenade. Am Ufer wird eine riesige Bühne aufgebaut, wahrscheinlich für ein Konzert am nächsten Abend. Hans Jörgen konnte den vorbei ziehenden Menschen und dem Wasser mit Genuss zu und hinter her schauen.
Mit einsetzender Abenddämmerung machte sich Hans Jörgen wieder auf den Weg zurück ins Hotel. Um 22 Uhr war er wieder auf dem Zimmer.
Kaum zurück meldet sich auch wieder die Produktionsfirma aus Deutschland mit der Nachricht, dass sie für den 1.Oktober einen Flug von Peking nach Düsseldorf für ihn und Eva gebucht haben.
Das war erstmal beruhigend. dennoch wollte sich Hans Jörgen nicht mit der Art und Weise abfinden, wie die beiden Verantwortlichen vor Ort sich aus der Affäre ziehen wollten. Deshalb bat er die Produktionsfirma, dass der Produktionsleiter sich doch bitte noch einmal telefonisch melden sollte. Man meinte, er wäre zur Zeit sehr beschäftigt, sie würden es ihm aber ausrichten.
In der der Zwischenzeit erreichte Hans Jörgen noch seine Frau in Deutschland und konnte mit ihr den neusten Stand besprechen. Sie hatte in ihrer Schule zwei mongolische Jungs und Hans Jörgen und Eva hatten sich mit dem Vater vor der Fahrt schon einmal zum Erfahrungsaustausch getroffen. Vielleicht war darüber eine Bleibe in der Mongolei zu arrangieren. Sie hatten aber auch eine Telefonnummer von der Freundin der letzten Kamerafrau bekommen. Die hatte ein Büro in Ulan Bator und könnte vielleicht auch weiter helfen. Jetzt wusste Hans Jörgen ja, das sie Montagmittag in Ulan Bator am Flughafen sein würden.
Es verging eine Stunde bis der Produktionsleiter dann schließlich doch sich meldete. Es kam noch einmal zu einem ausführlichen Gespräch, bei dem Hans Jörgen deutlich machte, das er die Variante, "wir waren nicht nüchtern", nicht akzeptieren würde und er erwarte, dass der Fernsehverantworliche sich an sein Wort halten würde. Schließlich hatte sich ja Hans Jörgen erst nach mehreren Gespräche zu einer Änderung seiner weiteren Reisepläne bewegen lassen. Das führte zunächst zu einer Verhärtung des Gesprächs und der Produktionsleiter zog sich wieder auf eine Schadensbegrenzung zurück.
Dann gelang es Hans Jörgen das Gespräch aus einer konfrontativen Gesprächsführung in eine konstruktive zu wechseln. Er merkte, dass dem Produktionsleiter die Situation auch nicht sehr angenehm war und er versuchte mit möglichst wenig Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen. Der Fernsehverantwortliche hatte demnach die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er hatte etwas versprochen, was er letztlich nicht genehmigt bekam. Eigentlich sollte man von Entscheidungsträgern schon erwarten können, dass sie ihren Kompetenzrahmen kennen. Hans Jörgen lies es bei dieser Argumentation, mehr war da nicht drin.
Die Konsequenz war, dass sie einen Flug von Peking nach Düsseldorf bekamen, alle weiteren Reisekosten aber selber tragen mussten.
Für den 27 September wurden sie zur AfterShow Party in Peking eingeladen. Mehr dazu würden sie erfahren, sobald es konkret würde.
Auf dieses Angebot konnte Hans Jörgen sich einlassen. Es war mehr, als man ihnen hätte geben müssen. Damit konnten die entstandenen Spannung beseitigt werden und Hans Jörgen konnte mit Ruhe an die Planung der nächsten 20 Tage gehen.
Was jetzt fest stand, dass sie am Montag Russland verlassen und spätestens am 27 September in Peking sein würden.
Bisher hatte Hans Jörgen noch nicht mit Eva darüber gesprochen. Als sie von ihrem Ausflug an den Balkai-See zurück kam, konnte er ihr den neuesten Stand mitteilen. Man konnte schon merken, dass sie ein wenig enttäuscht über das Verhalten der anderen war, dann hatte sich sich aber schnell gefasst und freute sich auf die weitere Reise. Eva erzählte noch etwas von ihrem tollen Ausflug an den See. Sie hatte auch Prospekte von einem Hotel mitgebracht.
Beide waren von dem anstrengende Tag gekennzeichnet und gingen auch bald ins Bett.